Aus alt mach neu: facettenreiches Recycling

In Deutschland werden pro Jahr mehr als 700.000 Tonnen an Elektro-Altgeräten gesammelt und recycelt.  722.000 Tonnen veröffentlicht das Umweltbundesamt für 2015. Das entspricht rund 70 Mal dem Gewicht des Eiffelturms samt Fundament. Wer je unter dem Stahl-Koloss in Paris gestanden hat,  wird diese Zahl zu schätzen wissen.

Das Problem ist: In Relation zu den Verkaufszahlen an Elektrogeräten sind 722.000 Tonnen an recyceltem Elektroschrott noch immer wenig. Die 2015 unter UN-Beteiligung veröffentlichte CWIT-Studie weist aus, dass der reale Geräteverschleiß fast dreimal so hoch ist, also zwei Drittel des Elektroschrotts ohne fachmännisches Recycling in dubiose Kanäle wandern. Da es hier um eine EU-weite Erhebung geht (mit Norwegen und der Schweiz), ist nun schon von Millionen Tonnen die Rede: 9,45 Millionen Tonnen an produziertem Schrott stehen 3,3 Millionen Tonnen an recyceltem Material gegenüber. Die Diskrepanz wiegt schwer, nicht zuletzt für Umwelt und Gesundheit.       

Warum in die Ferne schweifen

Die gigantischen Schrotthalden Europas türmen sich vor allem in Afrika, fernab unseres Blickfelds (aber dennoch vor unserer Haustür). UN-Angaben zufolge werden hier auch rund 20.000 Kinder eingesetzt, um unter katastrophalen Bedingungen einen Recycling-Prozess zu vollziehen, der keiner europäischen Norm entspricht. Selbst aus egoistisch-monetärer Sicht ist das nur kurzfristig ein Gewinn. Probleme haben bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, uns schnell wieder einzuholen.  

Wie immer falsch: Schubladen-Denken

Ungeachtet dieses Export-Skandals ist es nicht nötig, beim Thema Recycling-Sünden in die Ferne zu schweifen oder abstrakt auf „die Industrie“ zu verweisen. In den meisten Haushalten genügt es, die Schreibtischschublade zu öffnen und auf die wachsende Anzahl an Handys zu blicken, die hier ihr Endlager gefunden haben. Auf 100.000 Millionen Stück schätzt der Branchenverband Bitkom die Zahl der ungenutzten Mobiltelefone allein in Deutschland, und diese Schätzung ist eher konservativ.

Fest steht: Es gibt inzwischen mehr ungenutzte Telefone als Menschen im Land, trotz Elektronik- und Elektrogerätegesetz und Novellierung der neueren EU-Vorgaben 2015/16. Gerade bei Kleingeräten ist die Schublade halt näher als die kommunale Sammelstelle. Im Gegensatz zur rostigen Waschmaschine steht das ausgediente Handy auch niemandem störend im Weg.      

Was heißt hier Schrott?

Gold und Silber, Kupfer und Aluminium, Germanium und Iridium – vielleicht wäre es an der Zeit, dem Begriff „Schrott“ ein neues Image zu geben. Elektroschrott ist nämlich nicht das, was das Wort im Allgemeinen suggeriert: Es handelt sich um einen erheblichen Wert, der in vielen Fällen sogar noch tadellos funktioniert. Und so beginnt die Frage nach der umweltverträglichen Verwertung mitten im Lebenszyklus der Geräte. Sie lautet: Hat dein „altes“ Handy wirklich nach 18 Monaten (das ist die durchschnittliche Nutzungsdauer) schon ausgedient, nur weil der Nachfolger bei Bildschirm und Kamera ein paar Pixel mehr zu bieten hat?

Wer diese Frage für sich selbst mit einem überzeugten „Ja“ beantwortet, hat dennoch viele Wege, um ins Naturschutzgebiet zu gelangen. Hier eine kleine Übersicht:

Spenden: Organisationen wie der Naturschutzbund, die Deutsche Umwelthilfe oder Pro Wildlife nehmen die Geräte entgegen und sorgen dafür, dass diese entweder aufbereitet oder fachmännisch recycelt werden. Der Erlös kommt ausgewählten Projekten zugute, bei Pro Wildlife zum Beispiel dem Artenschutz von Gorillas und Schimpansen. Das Konzept wird auch Unternehmen empfohlen, denen dafür Sammelboxen zur Verfügung gestellt werden können.

Verschenken oder verkaufen: In Familien funktioniert das Prinzip meist automatisch: Bekommen Mama oder Papa ein neues Handy, wandern die älteren Geräte zur nächsten Generation. Das verlängert den Lebenszyklus und für die später tatsächlich ausgesonderten Modelle lassen sich bei Ebay & Co. noch ein paar Euro Taschengeld erlösen.  

Zum Recyceln geben: Handys sind, unabhängig von ihrem Alter, kein Hausmüll. Sie sollten beim Recyclinghof abgegeben werden. Zum einen geht es dabei um die Wiedergewinnung der enthaltenen Rohstoffe (bei Gold sind es übrigens durchschnittlich 24mg pro Handy, zum anderen aber auch um die richtige Entsorgung zum Beispiel des Akkus, der Schadstoffe enthält.

Händler sind seit 2017 zudem gesetzlich verpflichtet, Altgeräte mit einer Kantenlänge bis 25 cm zurückzunehmen, auch wenn kein anderes Gerät erworben wird.

Alternativ nutzen: Ob als Babyphone, mobiler Hotspot oder Digitaler Bilderrahmen, das Handy kann im Alter noch gute Dienste leisten – zumindest solange der Akku mitspielt. Selbst als Überwachungskamera oder zweiter Mini-Monitor am PC ist es mit der richtigen App geeignet. Oder wie wäre es mit einem Einsatz als Navi im Auto oder am Fahrrad? Ein einfacher Gummiring am Lüftungsschlitz oder Lenker genügt, schon ist das Gerät im Blickfeld des Fahrers betriebsbereit. Laufen all diese Anwendungen nicht mehr zufriedenstellend, taugt das Handy bestimmt noch als Notruf-Option für die Wanderung ins Outback.

Leave a Reply